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Die heilenden Kräfte der Kälte

Kälte lindert Schmerzen, verringert Entzündungen und beugt Schäden vor, die durch Sauerstoffmangel entstehen können. Das machen sich Ärzte zunehmend zunutze

 

Kälte lindert Schmerzen, verringert Entzündungen und beugt Schäden vor, die durch Sauerstoffmangel entstehen können. Das machen sich Ärzte zunehmend zunutze

 

von Dr. Christian Guht, 27.03.2018

 

 

 

 

 

Ab in die Kältesauna: Minusgrade sollen Muskelkater vorbeugen

Your Photo Today/Amelie Benoist/BSIP

Schneidet der Wind durch einen flockengrauen ­Himmel, knackt das Eis und klirrt die Kälte, jagt man keinen Hund vor die Tür – geschweige denn sich selbst. Winterwetter scheut der Mensch naturgemäß. Für unseren Organismus, der eine konstante Körpertemperatur um die 37 Grad Celsius benötigt, bedeutet ein allzu großer Temperatursturz erst einmal Stress.

Dabei vermag gerade der Kon­trast auch heilsam zu sein. Ein Dauerlauf bei eisigem Wind oder gar ein Sprung in einen Gebirgsbach bringen Hormone, Immunsystem und Kreislauf in Schwung. Zunächst zieht sich das Blut im Körperkern zurück, um dann, nach dem Kältereiz, die äußeren Körperpartien besonders stark zu durchbluten. ­Diese sogenannte reaktive Hyperämie belebt das Gewebe. Auch Geist und Stimmung werden erfrischt.

Schon im Altertum verordneten römische Ärzte ihren Patienten kalte Güsse oder Umschläge. Im 19. Jahrhundert entwickelte der schwäbische Pfarrer Sebastian Kneipp die Idee, mit ungemütlichen Temperaturreizen körperliche Selbstheilungsprozesse anzustoßen.

Kälte hat eine schmerzstillende Wirkung

Inzwischen haben wissenschaftliche Studien die therapeutischen Effekte solcher Kneipp-Kuren nachgewiesen, etwa bei chronischer Bron­chitis, Funktionsstörungen des peripheren Nervensystems oder Bluthochdruck. Und die Medizin kann heute im Detail erklären, weshalb Menschen Kälte von jeher als lindernd empfunden haben – und setzt dieses Wissen gezielt ein.

Offenkundig ist vor allem der schmerzstillende Effekt. Vermutlich lernte den bereits irgendein Urmensch zu schätzen, als er sich aus schierer Not Eis auf eine Beule presste. "Durch den Kältereiz verengen sich die Blutgefäße, wodurch zunächst einmal die Schwellung im verletzten Gewebe reduziert wird", erklärt Dr. Christoph Bleh, Oberarzt und Leiter der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin am Universitätsklinikum Erlangen.

Außerdem leiten Nerven und Schmerz­rezeptoren unterhalb ihrer Betriebstemperatur nur noch träge. Das macht klamme Glieder steif – aber eben auch weniger empfindlich. Experte Bleh: "Die lokalanästhetische Wirkung hält 30 bis 120 Minuten an."

Umstrittene Wirkung: Die "Eistonne" gegen Muskelkater

Schon Generationen von Sportlern haben es als erlösend erlebt, wenn der Teamarzt eine Prellung kurzerhand quasi vereiste. Mittlerweile kühlt sich so mancher Athlet nach einem Wettkampf gleich komplett herunter. Die "Eistonne" wurde spätestens durch das Fußballwelt­­meisterteam 2014 berühmt. Moderate Kühlung der Muskulatur unmittelbar nach dem Match soll kleinste Risse und Zerrungen im Gewebe schneller heilen lassen und auf diese Weise die Erholungsphase der Kicker verkürzen.

 

Unter Sportmedizinern ist das Prinzip umstritten. So ermittelte die renommierte Cochrane Library widersprüchliche Forschungsergebnisse: Die Nachkühlung könne Muskelkater sowohl lindern als auch verstärken. Gleichwohl haben viele Vereine Kältekammern für ihre Spieler angeschafft. Superstar Cristiano Ronaldo soll sogar eine private Kältesauna bei sich zu Hause haben.

Von der Kühlkammer bis zum Eis-Lolly reicht inzwischen das Repertoire sogenannter kryomedizinischer Anwendungen, wie sie bei verschiedenen chronischen Krankheiten zum Einsatz kommen. Die örtlich betäubende Wirkung kalter Sprays oder Auflagen hilft bei Gelenkverschleiß oder Sehnen­­reizungen. Coolpacks dabei immer um­wickeln, um Erfrierungen der Haut zu vermeiden. Alternativ kann man Eis am Stiel auf der Haut bewegen, sodass das entstehende Schmelzwasser die ­lädierte Region schonend kühlt.

Kälte wirkt gegen die Entzündung bei Autoimmunerkrankungen

"Wir kennen heute aber noch spezi­fischere Effekte von Kältereizen, die sich therapeutisch einsetzen lassen", sagt Experte Bleh. So werden in unterkühltem Gewebe auch weniger Entzündungsstoffe freigesetzt, was die Medizin sich bei rheumatoider Arthritis oder Schuppenflechte zunutze macht. Pa­tienten mit solchen Autoimmunerkrankungen sollen – ähnlich wie Fußballer – von einer Kühlung des ganzen Körpers profitieren. Das passiert in besonderen Kammern, in denen extrem niedrige Temperaturen herrschen. Wenige Minuten bei minus 110 Grad Celsius dämpfen Gelenkschmerz und Juckreiz. Laut Bleh kann die Wirkung über Monate anhalten.

Allerdings habe der Tiefkühlreiz keine heilende Wirkung: "Es handelt sich um eine rein symptomatische Therapie, die auf ­verminderter Schmerzwahrnehmung basiert." Diese werde auch dadurch ­unterdrückt, dass Kälte- und Schmerz­­empfinden im Nervensystem um die gleichen Kanäle konkurrieren. Friert der Organismus stark genug, fehlt ihm die Kapazität, um gleichzeitig Schmerzen zu empfinden.

Der menschliche Körper hat mehr Kälte- als Wärmerezeptoren

Überhaupt verlangen frostige Temperaturen dem Menschen einiges ab. Denn seine ideale Umgebungstem­peratur liegt etwa zwischen 25 und 27 Grad. In diesem Bereich kann der Körper leicht überschüssige Wärme abgeben, die er beim Stoffwechsel produziert. Sinkt die Temperatur weiter, kühlt er zu stark aus und muss mehr Energie aufwenden, um sein Inneres zu schützen. Die Muskelnzittern, um Wärme zu erzeugen, die Gefäße in der Haut verengen sich, um die Wärme des Blutes im Körper­inneren zu halten. 

In die entsprechende Alarmbereitschaft versetzen den Organismus Kälterezeptoren in der Haut. Wird es richtig frisch, helfen nur wärmende Kleidung oder ­eine warme Behausung, um das Zittern zu stoppen. Kälterezeptoren übersteigen die Anzahl der Wärmerezeptoren um das Acht­­fache.

 

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Das zeigt, wie bedeutsam Kälte­empfindlichkeit für die Anpassung unserer Vorfahren an Gefilde außerhalb ihrer tropischen Wiege war. Als die Frühmenschen sich einst aus Afrika nach Norden aufmachten, wussten sie nicht, worauf sie sich einließen – aber sie mussten es spüren können, um sich anzupassen und zu schützen.

Kälte wirkt den Schäden durch Sauerstoffmangel entgegen

Auch auf Intensivstationen haben Kältereize inzwischen ihren Platz. So werden Patienten nach einem längeren Herz-Kreislauf-Stillstand für einige Stunden um wenige Grad heruntergekühlt. Das hat sich bewährt, um Hirnschäden zu reduzieren, die normalerweise bereits nach wenigen Minuten Sauerstoffmangel auftreten.

Die Kälte mindert den Sauerstoffbedarf der Zellen und friert Prozesse ein, die zu ihrem Absterben führen. Laut einer aktuellen Untersuchung im New England Journal of Medicine profitieren von dieser Wirkung auch Säuglinge, die während der Geburt Sauerstoffmangel erlitten haben. 

Entdeckt hatte man den Effekt bei Personen, die ins Eis eingebrochen waren. Noch bis zu eine halbe Stunde nach dem Ertrinken in kaltem Wasser konnten sie wiederbelebt werden. Zumindest eine Zeit lang ist es so wie beim Sprung in den Gebirgsbach: Die Kälte hält auch frisch.


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