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Iatrophobie: Die Angst vor dem Arzt

Lieber krank als zum Doktor? Lieber Karies als zum Zahnarzt? Bevor sie einen Arzt konsultieren, ertragen viele Menschen lieber Schmerzen oder riskieren ihre Gesundheit. Was gegen die Furcht vor Medizinern hilft

 

Iatrophobie: Die Angst vor dem Arzt

Lieber krank als zum Doktor? Lieber Karies als zum Zahnarzt? Bevor sie einen Arzt konsultieren, ertragen viele Menschen lieber Schmerzen oder riskieren ihre Gesundheit. Was gegen die Furcht vor Medizinern hilft

von Christian Andrae, aktualisiert am 09.05.2018

 

 

 

 

Ein Arztbesuch kostet manche Menschen große Überwindung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wohl kaum einer geht aus­gesprochen gerne zum Arzt. Zwei Millionen Deutsche haben sogar Angst vor Ärzten. So ­viele Menschen leiden laut einer Erhebung des Berufsverbandes der Allgemeinärzte unter der sogenannten Iatrophobie. Das Problem: Wer nicht zur Vorsorge geht, übersieht womöglich neu entstehende Krankheiten.

Zumindest ist die Iatrophobie vergleichsweise gut behandelbar. Wie man jemanden, der Angst vor Ärzten hat, schließlich doch zum Arzt bekommt, verrät die Psychologin Franziska Geiser im Interview. Sie ist die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Bonn.

 

 

 

 

 

Frau Professor Geiser, wann hatten Sie denn zuletzt Angst vor einem Arzt?

Eine gute Frage. Ein bisschen Angst ist ja normal. Etwa wenn man angespannt ist, weil die Untersuchung schmerzhaft sein kann oder man nicht genau weiß, was überhaupt mit einem passiert. Diese Anspannung habe ich sicher auch. Also vielleicht vor der letzten Mammografie. Insofern wäre das dann etwa ein Jahr her.

 

 

 

 

 

Was unterscheidet die normale von der krankhaften Angst?

Es ist normal angespannt zu sein, wenn wir in eine neue Situation kommen und auf einmal in der Rolle des Patienten sind. Die haben wir ja sonst nicht täglich. Man muss die Kontrolle abgeben. Und sich da ein bisschen unsicher und abhängig zu fühlen, das ist normal. Etwas Angst zu haben, ist es auch – insbesondere dann, wenn es möglicherweise schmerzhaft werden könnte, zum Beispiel beim Zahnarzt. Es überschreitet jedoch die Grenze des Normalen, wenn die Angst so groß ist, dass ich anhaltend darunter leide – also schon Tage vorher Angst vor diesem Termin habe und am Ende gar nicht hingehe. Oder wenn es meinen Alltag beeinträchtigt.

 

 

 

 

 

Wie kann das aussehen?

Dass ich mich nicht mehr konzen­trieren kann, nicht bei der Sache bin, keinen Hunger habe, gereizt bin oder mich sozial zurückziehe, weil ich so beschäftigt bin mit dieser Angst. Und vor allem, wenn sich die Angst generalisiert – wenn ich merke, dass ich nicht nur vor dieser einen Sache Angst habe, sondern vor vielen anderen auch. Oft ist es aber andersherum: dass die Angst vor dem Arzt im Grunde im Rahmen einer anderen Angst auftritt. Also, dass ich vor vielen Dingen Angst habe und dann eben auch vor dem Arzt.

 

 

 

 

 

 

Wie verbreitet ist die Angst vor dem Arzt an sich?

Das ist schwierig, denn es gibt dazu unterschiedliche Studien. Aber wir wissen, dass etwa zehn Prozent der Menschen einen sogenannten Weißkittelbluthochdruck haben. Sie sind in Gegenwart eines Mediziners so angespannt, dass ihr Blutdruck in der Praxis nachweisbar höher ist als sonst. Man kann also sagen, dass ­circa zehn Prozent der Menschen eine ausgesprochene Angst vor dem Arzt haben.

 

 

 

 

 

Das spricht nicht unbedingt für die Ärzte.

Die sind aber in der Regel nicht die Ursache dieser Angst. Häufig ist es so, dass Menschen gerade in der Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder dass Eltern von Kindheit an in solchen Situationen selbst sehr ängstlich reagieren. Und wenn meine Eltern mir vermitteln, der Arzt ist etwas ganz Schlimmes, dann bekomme ich auch selbst mehr Angst vor ihm. Oder es gibt zu wenig Erfahrung mit Ärzten: Es ist durchaus günstig, das Kind öfter einmal in die Praxis mitzunehmen, damit es lernt, dass ein Arzt­besuch überhaupt nicht so furchtbar ist.

 

 

 

 

 

 

Mit Ausnahme von Zahnarztbesuchen. Die sind wirklich schlimm.

Das muss gar nicht sein. Aber bei Zahnärzten ist es tatsächlich so, dass mehr als die Hälfte der Patienten Angst vor ihnen hat. Zehn bis zwölf Prozent der Patienten haben heftige Angst, und drei bis vier Prozent gehen gar nicht erst hin.

 

 

 

 

 

Das klingt nicht gesund.

Ist es auch nicht. Denn gerade beim Zahnarzt zeigen sich die Folgen des Teufelskreises einer Iatrophobie besonders deutlich: Wer nicht hingeht, hat in der Regel dann natürlich schlechte Zähne. Diese führen wiederum dazu, dass man sich schämt. Wenn man sich schämt, geht man wieder erst recht nicht zum Arzt. Beziehungsweise erst dann, wenn es unbedingt notwendig geworden ist. Das heißt: über den Notdienst zu einem unbekannten Zahnarzt. Dass diese Erfahrung nicht gut wird, weil das nicht gut vorbereitet ist oder der Zahnarzt nicht genug Zeit hat, auf die Angst des Patienten einzugehen, ist ebenfalls wahrschein­licher. Und dann geht man wieder mit einer schlechten Erfahrung raus.

 

 

 

 

 

Wie kommt man aus dieser Situation wieder heraus?

Man sollte sich überlegen, warum ist das wichtig, dass ich zum Arzt gehe – und nicht nur bis zum Termin denken, sondern auch ein Stückchen weiter. Also, wie werde ich mich anschließend fühlen? Vielleicht hilft es, für danach etwas Schönes zu planen. Und wenn man beschließt, zum Arzt zu gehen, sollte man gleich einen Termin machen. Man kann auch mit jemandem darüber sprechen und sagen, "du, ich hab große Angst davor, aber ich mache jetzt einen Termin". Das verpflichtet. Und es ist immer hilfreich, zu schauen, wer einen da unterstützen kann.

 

 

 

 

 

 

Und beim Termin selbst?

Ich kann den Arzt oder das Personal auf meine Angst ansprechen. Die sind ja dafür geschult, und sie sind ganz freundlich und nett, wenn jemand anruft und sagt: Ich hab Angst vor diesem Termin, aber ich muss ihn leider machen. Beim Termin selber ist es dann eher hilfreich, sich abzulenken. Also was zum Lesen mitnehmen – oder mit jemandem hingehen und über alles Mögliche sprechen. Und es dem Arzt selbst mitteilen, wenn man merkt, dass man sehr gehemmt ist. Zudem hilft es, wenn man seine Fragen vorher auf einem Zettel notiert. Dann ist es nicht mehr so schlimm, wenn man sie vor Aufregung vergisst.

 

 

 

 

 

Was können Angehörige tun?

Wenn ich sehe, dass mein Partner trotz Beschwerden nicht zum Arzt geht, kann ich ihn darauf ansprechen und fragen, ob ihm das auch schon aufgefallen ist. Dann würde ich ein Angebot machen und sagen, dass ich das gut verstehen kann, mir aber Sorgen mache und ihn deshalb begleiten würde, wenn er das möchte. Oder dass man hinterher etwas Schönes zusammen unternimmt.

 

 

 

 

 

Was tun, wenn das alles nichts hilft?

Wenn jemand Arzt- oder Zahnarzt­besuche meidet und seine Gesundheit dadurch gefährdet, dann sind psychotherapeutische Maßnahmen in jedem Fall sinnvoll und effektiv. Gerade bei der Angst vor Zahnärzten gibt es Untersuchungen, dass 80 Prozent der Patienten, die dann eine Verhaltenstherapie machen, hinterher wirklich in die Praxis gehen. Es kommt aber ein bisschen darauf an, wovor ich denn eigentlich genau Angst habe. Wenn es eine sehr isolierte Angst ist, wenn es einem sonst ganz gut geht, dann ist eine Verhaltenstherapie sicherlich das Mittel der Wahl. Wenn ich aber mehr Ängste im Leben habe, eher ein ängstlicher Mensch bin, dann wäre eine tiefenpsychologische Therapie angebracht. Aber wenn man nicht zum Psychologen geht, dann bekommt man auch keine Therapie.

 

 

 

 

 

Und wie schafft es jemand, der Angst vor Ärzten hat, zum Arzt?

Ja, das ist natürlich ein bisschen ein Teufelskreis. Wichtig ist, die Scham abzubauen: Angst zu haben ist kein Makel, sondern eine biologische Reaktion, die manche Menschen eben etwas mehr haben. Mutig ist, über die Angst zu sprechen und sich Unterstützung zu holen, um sie besser bewältigen zu können. Wir bieten für solche Menschen zum Beispiel eine offene Angstsprechstunde zur Beratung an. Und wenn die Beeinträchtigung sehr groß ist, können wir Patienten auch stationär behandeln.

 

 

 

 

 

Professorin Franziska Geiser ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Bonn. Ihre Schwerpunkte sind Angst- und Essstörungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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