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Interview: Mutig in die Geburt

Die Regisseurin Carola Hauck hat einen Dokumentarfilm über das Gebären in Deutschland gedreht. Und will damit vor allem eins: werdenden Eltern die Angst nehmen

 

Die Regisseurin Carola Hauck hat einen Dokumentarfilm über das Gebären in Deutschland gedreht. Und will damit vor allem eins: werdenden Eltern die Angst nehmen

 

von Peggy Elfmann, 29.03.2018

 

 

 

 

 

Mit ihrem Film möchte Carola Haug nicht allen gefallen, sondern etwas ändern

W&B/Ulrike Frömel

Frau Hauck, in Ihrem Dokumentarfilm geht es um die Vorgänge im ­Körper bei einer Geburt. Für wen haben Sie den Film gemacht?

Hauck: Eigentlich für alle. Ich wollte mit ihm über die aktuelle Geburts­kultur in Deutschland aufklären und zeigen, was schiefläuft. Vor allem ist der Film aber für die Frauen und Männer, die bald Eltern werden. 

Es gibt etliche Bücher, Erfahrungs­berichte im Internet und Geburts­vor­­bereitungskurse. Reicht das nicht?

Ja, als Schwangere bekommt man überall Informationen, aber es ist wahnsinnig schwierig, fundiertes Wissen zu erlangen. Man kann ja nicht von einer Schwangeren und ihrem Partner verlangen, dass sie sich eine Doktorarbeit anrecherchieren. Ich wollte einen Film schaffen mit den wichtigsten Fakten über die Geburt, sodass die Frau ein gutes Basiswissen hat, das ihr die Angst nehmen und Stress vermeiden kann.

Warum ist das wichtig?

Unter der Geburt kann Angst dazu führen, dass sich die Frau nicht so entspannen kann, wie sie muss, damit sich ihr Körper so weit öffnet, dass sie das Kind gut zur Welt bringen kann. Studien zeigen: Wenn Frauen viel über ihren Körper und die natürlichen Abläufe wissen, reduziert das die Angst und damit auch die Schmerzen. Sie sind in der Geburt entspannter, und die Muskeln öffnen sich leichter.

Spielt das eine Rolle für die Kinder?

Ja, auf jeden Fall. Es macht einen Unterschied, wie ein Kind geboren wird. Das sagt auch die vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Hebamme Ina May Gaskin in meinem Film. Die Mutter-­Kind-Bindung gelingt besser, und das Stillen fällt leichter nach einer guten, angstfreien Geburt. Kaiserschnitte hingegen gehen oft mit diversen Anpassungsproblemen beim Kind einher.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Geburten zu drehen?

Ich habe mich schon als Kind stark für den menschlichen Körper und für Sexualität interessiert. Mit 18 Jahren wollte ich unbedingt Geburts­helferin werden. Ich hatte die roman­tische Vorstellung, dass man in der Geburtshilfe mit süßen kleinen Babys zu tun hat. Also habe ich Medizin studiert und war während meiner Praktika in der Klinik regelmäßig bei Geburten dabei.

Wie war das für Sie?

Damals, also Ende der 80er-Jahre, lagen fast alle Frauen zur Geburt auf dem Rücken. Das stellte ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht infrage. Schockiert hat mich, dass fast jede Frau standard­mäßig einen Dammschnitt bekam. Das mitanzusehen ging mir jedes Mal durch Mark und Bein.

Warum wurde das gemacht?

Als ich die Ärzte fragte, war die Antwort: damit der Damm nicht reißt. Aber es ist absurd, etwas kaputt zu machen, damit es nicht kaputtgeht. Natürlich kann ein Damm unter der Geburt reißen. Aber ihn zu schneiden bedeutet, viel tieferes Gewebe zu verletzen. Und er reißt nicht immer. Mit dieser Maßnahme erlitten auch Frauen, die sonst keine Verletzung gehabt hätten, garantiert eine. Für mich hat diese widersinnige Praxis die Haltung der Medizin offenbart, sich über natürliche Gesetzmäßigkeiten zu stellen, obwohl man möglicherweise Schaden anrichtet.

Wie sind Sie zum Film gekommen?

Während des Studiums habe ich gemerkt, dass ich so nicht Ärztin werden möchte, und mich umorientiert. Ich wurde für Filmregie an der Filmakademie Ludwigsburg angenommen. Mein Diplomfilm, ein Dokumentarfilm über Medizin­studenten in der Anatomie, lief auch auf dem Forum der Berlinale. Danach habe ich Sexualpädagogik und Familienplanung studiert. Für meine Bachelorarbeit bin ich wieder auf das Thema Dammschnitt gestoßen.

 

Was haben Sie herausgefunden?

Ich habe Einzelfallstudien zum Dammschnitt gemacht, weil ich wissen wollte, was er für die Frauen bedeutet. Die Frauen erzählten mir dafür von ihren Geburten. Dabei sind zwei in eine Art Retraumatisierung gefallen. Die Erinnerung an die Geburt – die eine lag neun, die andere 17 ­Jahre zurück – hat in ihnen so heftige Gefühle ausgelöst. Das hat mich sehr beschäftigt. Mich hat auch schockiert, dass alle Frauen den gleichen Satz sagten: "Ich war gar nicht da." Niemand hatte sich unter der Geburt darum gekümmert, wie es ihnen ging und was sie brauchten. 

Haben Sie deshalb Ihre Masterarbeit über "Kommunikation von Heb­ammen im Kreißsaal" geschrieben?

Ja. In der Berichterstattung über Heb­ammen und Geburten ging es immer nur um Medizintechnologie und Haftungsbeiträge. Dabei war doch klar, und darum ging es in meiner Arbeit, dass die Kommunikation im Kreißsaal eine große Rolle für den Geburtsverlauf spielt. Da entstand mein Plan, einen Film zu machen, der nicht die Technik und Medizin, sondern die Mutter und das Kind in den Fokus stellt.

Ihr Film heißt "Die sichere Geburt". Was bedeutet sichere Geburt für Sie?

Für mich ist eine sichere Geburt eine, die mit dem besten gesundheitlichen Ergebnis für Mutter und Kind ausgeht.

Also eine Klinikgeburt? Das verbinde ich mit einer sicheren Geburt.

Das geht den meisten so. 98 Prozent aller Geburten in Deutschland finden in einer Klinik statt. Die Schwangere und ihr Partner wähnen sich dort sicher, denn es wird die Medizin vorgehalten, die die Frau oder das Kind im Notfall braucht – und das ist gut so. Gleichzeitig finden in Kliniken oft Interventionen aus Routine oder Effizienz statt. Eine Intervention – selbst wenn es nur ein venöser Zugang oder das Dauer-CTG  ist – zieht aber häufig die nächste nach sich. Ärzte sprechen von einer Interventionskaskade. Am Ende steht oft der Notkaiserschnitt bei einer gesunden Frau mit einem gesunden Kind.

Was macht eine Geburt also sicher?

Eine Geburt braucht Ruhe und Zeit. Ich habe in Studien und bei Experten ­­recherchiert, was Frauen unter der Geburt guttut. Wir blicken immer nur auf Dinge, die wir messen können, wie den Wehenabstand oder die Muttermundgröße. Aber die Gefühlswelt der Frau bleibt außen vor. Doch die Emotionen beeinflussen die Entwicklung der Geburt maßgeblich. Wie mit der Frau kommuniziert wird, ob sie unterstützt oder von oben herab behandelt und nicht gefragt wird, hat einen großen Einfluss auf das Geburtsgeschehen.

Der Film spielt auf mehreren Ebenen: Experten-Interviews, Geburts­berichte von Frauen, aber auch Zeichentrick und Infografiken. Wieso?

Ein reiner Interviewfilm wäre zu anstrengend gewesen. Ich wollte es locker und unterhaltsam machen. Gleichzeitig war mir wichtig, die physiologischen Zusammenhänge im Körper richtig darzustellen. Dafür eignen sich anatomische Illustrationen am besten. Die Zeichentrickszenen sollen unterhalten. Sie sind ganz klar überspitzt, um zu zeigen, was im schlimmsten Fall passiert, wenn es nicht weitergeht.

Es kommen mehrere Experten zu Wort. Mich hat überrascht, wie offen sie gesprochen haben. Mussten Sie sie überreden mitzumachen?

Überzeugen musste ich niemanden. Ich habe diejenigen, auf die ich bei meinen Recherchen gestoßen bin, angeschrieben und alle Interviews, bis auf eines, bekommen. Mein Eindruck war, dass ich mit dem Film auch bei den Ärzten, Hebammen und Wissenschaftlern einen Nerv getroffen habe. Das sind ja alles Experten, die etwas ändern möchten und die auch wollen, dass die Frauen und die Kinder wieder im Mittelpunkt stehen.

 

 

Mehr Informationen zum Film "Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?", die nächsten Termine der Kinotournee sowie einen Film-Trailer finden Sie auf der Homepage des Films.

 

 

Der Frauenarzt Frank Louwen sagt, dass das Vertrauen in den Arzt unangebracht sei, wenn der die Rückenlage empfehle. Es sei die ungüns­­tigste Geburtsposition, für den Geburtshelfer aber bequem, weil er alles im Blick habe. Haben Sie ihm das ins Drehbuch geschrieben?

Nein. Alles, was die Experten sagen, sagen sie von sich aus. Es ist einfach grandios, dass sie so ehrlich sind und selbst Probleme ansprechen. Mein Vorteil war mein medizinisches Grund­wissen. Die interviewten Ärzte haben mich dadurch ernst genommen.

Hatten sie selbst eine Botschaft?

Ja, das Gefühl hatte ich bei allen. Me­diziner Louwen sagt: Die Frau sollte so gebären, dass die Geburtshelfer das Kind am besten gar nicht anfassen müssen, also im Stehen oder im Vierfüßlerstand. Die Hebammenwissenschaftlerin Rainhild Schäfers appelliert, die Frauen ins Zentrum zu stellen und dafür zu sorgen, dass sie sich gut fühlen. Der Geburtshelfer Sven Hildebrand sagt: Wir müssen darauf achten, dass die Geburt möglichst ungestört bleibt. Alle Experten wissen, dass dies wichtige Botschaften für werdende Eltern sind und dass sie sie über Fachzeitschriften nicht erreichen – über meinen Film aber schon eher.

Es erzählen auch drei Frauen von ihren nicht schönen Klinikgeburten. Wie haben Sie die gefunden?

Während meiner Recherche erreichten mich mehrere E-Mails von Frauen mit ihren Geburtsgeschichten. Diese drei fand ich passend und habe sie gefragt, ob sie ihre Geschichte vor der Kamera erzählen würden. Das war für sie nicht leicht, aber dass über das Thema gesprochen wird, war ihnen wichtiger als die eigenen Gefühle.

Alle drei Frauen hatten beim zweiten Kind eine außerklinische Geburt. Ist das die Lösung des Problems?

Nein. Aber man kann einiges von Geburten im Geburtshaus oder zu Hause lernen und in der Klinik übernehmen. In der Klinik gibt es nun mal eine Reihe von Störfaktoren. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass die Frau sich dort so wohlfühlt wie zu Hause und dass sie einen Schutzraum bekommt, um sich zu öffnen. Im besten Fall wird sie eins-zu-eins von einer Hebamme betreut, und idealerweise hat die sie in der Schwanger­schaft begleitet.

Wie lässt sich das umsetzen? 

Die meisten Schwangeren sind gesund. Sie brauchen eigentlich kein Krankenhaus, das ja für Notfälle und Opera­tionen gedacht ist. Ich frage mich, ob man nicht eine Geburtshilfe an einer Klinik braucht statt in einer Klinik. Außer­dem sollte der emotionalen Geburtsbegleitung mehr Wert bei­­gemessen werden. Die natür­liche Geburt muss besser vergütet werden.

Sie haben den Film unabhängig und auf eigene Kosten produziert. Wieso?

Wenn man mit Fernsehredaktionen zusammenarbeitet, hat man finan­zielle Sicherheit, dafür wenig inhaltliche Freiheit. Ich wollte aber meine Idee umsetzen. Zudem gibt es kaum Sende­zeiten für lange Dokumentarfilme.

Der Film sollte der Öffentlichkeit auch so schnell wie möglich zur Verfügung stehen. Um anfangen zu können, habe ich über Crowdfunding bei Startnext in der ersten Runde 44.000 Euro für das Filmprojekt gesammelt.

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Gut drei Jahre. Mitte 2014 habe ich mit den Recherchen und ersten Drehs angefangen. Von da stammt auch das Interview mit dem französischen Geburtshelfer Michel Odent. Bis Ende 2016 habe ich gedreht und bin für die Interviews quer durch Europa gereist. Danach haben wir geschnitten und vertont. Im Juni 2017 war die Premiere in München. Und danach begann die Tournee durch verschiedene Städte.

Weshalb eine Kinotournee?

Die Idee kam in der Produk­tions­phase. Der Film fand bis dahin medial wenig Aufmerksamkeit. Es gehe "nur" um ein Frauen­thema, hieß es. So ein Quatsch! Geburt geht alle an, denn jeder wird geboren! Eine sichere, gute Geburt ist ein Menschenrecht für Frauen – und Kinder. Weil das Thema so wichtig ist, gab es nach vielen Vorführungen Podiumsdiskussionen.

Wie kam der Film beim Publikum an?

Die Vorführungen waren fast immer ausverkauft. Wenn ich nach der Vorführung in den Kinosaal gekommen bin, war es ganz still. Viele waren sehr gerührt, manche weinten. Dass mein Film so emotional wirkt, ist mir erst durch die Reaktionen der Zuschauer bewusst geworden.

Besonders gerührt hat mich ein Vater. Er hatte Tränen in den Augen, bedankte sich für den Film und erzählte vor Publikum, wie sehr ihn die Erkenntnis erschüttere, dass sich seine Angst bei der Geburt auf seine Frau übertragen hatte. Die Geburt hatte mit einem Notkaiserschnitt geendet. Das war ein Moment, wo ich gespürt habe: Wow, es war wichtig, diesen Film zu machen, damit sich Schwangere vorbereiten können und vor allem Männer die Abläufe bei der Geburt verstehen.

 

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Waren die Reaktionen der Ärzte und Hebammen auch so positiv? 

Manche fühlten sich angegriffen, vor allem durch die überspitzte Darstellung des Zeichentricks. Aber ich habe keinen Film gemacht, um allen zu gefallen. Ich möchte, dass sich etwas ändert. 75 Prozent der Frauen gebären in Rückenlage. Wer bringt sie denn dahin? Das sind die Hebammen und Ärzte. Die meisten Geburtshelfer und Heb­ammen waren jedoch begeistert vom Film. Mehrmals hieß es, dass der Film Pflicht für angehende Mediziner und Hebammen sein sollte, weil er genau die wichtigen Themen behandelt.

Was raten Sie Schwangeren zur Vorbereitung auf die Geburt?

Ich würde empfehlen, sich viel Ruhe zu gönnen und das Vertrauen in den Körper zu stärken. Vielleicht auch innere Reisen zu machen, so wie Leistungssportler. Die Geburt kann sich wie ein 100-Kilometer-Lauf hinziehen. Deshalb sollte man sich mental und körperlich vorbereiten. Die Schwangerschaft bietet die Chance, wieder in Kontakt zu seinem Körper zu kommen.

Und was kann der Partner tun?

Männer spielen eine Riesenrolle bei der Geburt. Es ist wichtig, dass sie vorbereitet sind. Entscheidend ist, dass der Mann weiß, was die Frau möchte und wann sie gefragt werden muss. Sie kann unter Wehen nicht diskutieren, ob ein Zugang oder Dammschnitt notwendig ist, er schon. Der Mann kann auf seine Partnerin achten und für sie einstehen. Gemeinsam gut vorbereitet in die Geburt zu gehen, ist die beste Möglichkeit, die Frau zu unterstützen. 

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