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Süchtig nach Medikamenten

Zuerst beruhigen sie oder nehmen Schmerzen. Dann machen sie abhängig. Arzneimittelsucht verläuft still, wird oft erst spät erkannt. Drei Betroffene erzählen

 

Süchtig nach Medikamenten

Zuerst beruhigen sie oder nehmen Schmerzen. Dann machen sie abhängig. Arzneimittelsucht verläuft still, wird oft erst spät erkannt. Drei Betroffene erzählen

von Sonja Gibis, aktualisiert am 19.06.2018

 

 

 

 

Pillen mit Nebenwirkungspotenzial: Aus Missbrauch kann Abhängigkeit werden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Silvia Roth (51, Name ­geändert) nach einem Autounfall starke Knieschmerzen plagen, ist sie fast froh. Jetzt hat sie wieder einen Grund, danach zu fragen: "Kann ich Tramadol bekommen?" Silvia Roth weiß, dass das Medikament nicht nur ihre körperlichen Schmerzen löst. Es löst auch die ihrer Seele.

Und sie weiß, dass Unruhe und Schmerzen erst recht zuschlagen, wenn sie das Mittel nicht mehr erhält. "Wie ein Tier, das mir im Nacken sitzt und sich dort festkrallt." Doch die Sehnsucht, dass die Pille sie wieder in den Arm nimmt, in die Illusion von Geborgenheit hüllt, ist zu stark. Ohne viel zu fragen, stellt der Orthopäde ein Rezept aus. Weitere folgen. Bis klar ist: So geht es nicht mehr. Silvia Roth entzieht. Zum vierten Mal.

Sucht auf Rezept

Tramadol ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Opioide, zu der auch Morphium gehört. Kaum etwas lindert Schmerzen besser. Das Problem: Die Medikamente können abhängig machen. Wie zahlreiche andere Mittel, die man auf Rezept erhält. "Vier bis fünf Prozent der viel verordneten Medikamente besitzen ein eigenes Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit", heißt es bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, die auch das Jahrbuch Sucht herausgibt.

 

 

 

 

 

Laut der aktuellen Ausgabe nehmen schätzungsweise bis zu 1,9 Millionen Menschen regelmäßig riskante Medikamente ein. Viele sind über 65 Jahre alt, etwa 70 Prozent davon Frauen. Wer betroffen ist, lässt sich auf den ersten Blick kaum erkennen.

Kein Torkeln, kein Absturz

Abhängige torkeln nicht durch Straßen, schlafen nicht unter Brücken. Medikamentenabhängigkeit ist eine stille Sucht. Als riskant gelten neben starken Schmerz- mitteln bestimmte Schlaf- und Beruhigungstabletten aus der Gruppe der Benzodiazepine.

"Vorsichtig sein sollte man zudem mit Z-Substanzen", sagt Dr. Horst Baumeister, Suchtexperte an der Median-Klinik Münchwies. Gemeint sind bestimmte Schlafmittel, deren Name mit Z beginnt. Laut Baumeister wird ihr Suchtpotenzial noch immer unterschätzt – von Patienten wie Ärzten.

 

 

 

 

 

1,9 Millionen Deutsche nehmen regelmäßig Medikamente mit Suchtpotenzial
(Quelle: Jahrbuch Sucht)

200 Prozent mehr Opioide wurden 2016 verordnet – im Vergleich zu 1996.
(Quelle: Arzneiverordnungs-Report 2017)

2/3 der Patienten, die riskante Schlafmittel einnehmen, sind Frauen
(Quelle: Jahrbuch Sucht)

 

 

 

 

 

Kick im Kopf

Peter Bunkus (51) dachte sich nichts dabei, als er nach einer Hüft-OP in der Klinik das Schlafmittel ­Zopiclon bekam. Obwohl er wusste, dass er bei Medikamenten aufpassen muss: "Ich habe immer diesen Kick im Kopf gesucht, dieses Rauschgefühl."

Peter Bunkus ist kleinwüchsig. Mit 16 unterzog er sich einer schmerzhaften Therapie, um Bein- und Armknochen zu verlängern. Danach war er 1,57 Meter groß – und süchtig nach Morphin. Er fälschte Rezepte, flog auf, entzog. In seiner Lehrzeit als Koch ging es nach dem Dienst gemeinsam in die Kneipe. Am Ende brauchte er Hochprozentiges, um morgens nur gerade laufen zu können. Nach sieben Entgiftungen und einer Langzeittherapie war Peter Bunkus nicht nur trocken. Er hatte auch seine psychischen Probleme im Griff. "Ich habe mich nicht geliebt", sagt er. "Nach außen war ich der Stärkste, aber in meiner Seele war ich ein kleiner Wicht."

 

 

 

 

 

 

Im Würgegriff der Sucht

Peter Bunkus glaubte, diese Gefühle endgültig los zu sein – bis er zum ersten Mal Zopiclon schluckt. Er fühlt sich herrlich entspannt, schwebend. Am nächsten Tag schaut er als Erstes, wie viele Pillen er noch hat. "Ich wusste sofort: Alter, du bist wieder drauf."

Widerstand zwecklos. Den Würgegriff der Sucht versteht nur, wer ihn erlebt hat, sagt Bunkus. Mit ihr ist auch das Teufelchen wieder da, das ihm ins Ohr flüstert: "Du taugst nichts." Aus einer Pille täglich werden innerhalb von eineinhalb Jahren 15. Bunkus besorgt sie sich bei fünf verschiedenen Ärzten.

Doch wie beim Alkohol kommt der Punkt, wo Bunkus klar wird: Das ­Leben ist viel zu kostbar, um es vollgedröhnt wegzuschmeißen. Er entgiftet in der Klinik, macht noch mal eine Therapie. Vier Jahre ist das jetzt her. "Ich bereue nichts", sagt er. "Ohne die Sucht wäre ich nie dorthin gekommen, wo ich jetzt stehe." Doch er betont auch: "Diese Pillen, das ist hochgefährliches Zeug."

 

 

 

 

 

Mittel mit Suchtpotenzial  
Bei diesen Arzneien sollten Sie aufpassen:

Benzodiazepine
Mittel aus dieser Medikamentengruppe beruhigen, lösen Ängste, fördern den Schlaf. Die Wirkstoffnamen enden fast alle auf -am. Die Einnahmedauer sollte 14 Tage am Stück nicht überschreiten. Danach steigt die Gefahr einer Abhängigkeit stark. Beim Absetzen kommt es zu Entzugserscheinungen wie Unruhe, Angst und Schlaflosigkeit. Daher sollten die Mittel stets ausgeschlichen werden.

Z-Substanzen
Dabei handelt es sich um Schlafmittel, deren Wirkstoffnamen mit dem Buchstaben Z beginnen, etwa Zolpidem, Zopiclon oder Zaleplon. Die Einnahmedauer sollte 14 Tage am Stück nicht überschreiten. Die Gefahr der Abhängigkeit ist danach groß.

Schmerzmittel (Opioide)
Die Medikamente unterdrücken im zentralen Nervensystem schmerzauslösende Impulse. Zudem reduzieren sie die geistige Aktivität, lösen Angstgefühle und wirken eventuell euphorisierend. Das Abhängigkeitspotenzial ist hoch. Die Mittel sollten daher nur kurzfristig, etwa nach schweren Operationen, oder im Rahmen einer kontrollierten Schmerztherapie verabreicht werden.  

Antidepressiva
Eine Gefahr, abhängig zu werden, besteht bei diesen Mitteln nicht. Nach Abklingen der Symptome sollten sie noch sechs bis18 Monate eingenommen werden. Da beim Absetzen unerwünschte Wirkungen auftreten können, sollten auch diese Medikamente ausgeschlichen werden.

 

 

 

 

 

 

Plombe auf einem faulen Zahn

Nicht jeder Patient rutscht so schnell in eine Sucht wie Peter Bunkus. Doch das Risiko besteht bei längerer Einnahme für jeden. Ärzte wissen das. Dennoch erhalten viele Patienten Verschreibungen über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wie kommt es dazu?

"Wenn jemand zum Arzt geht, ist die Erwartung groß, schnell ein Zaubermittel in der Hand zu haben", sagt Suchtexperte Baumeister. Und die Medikamente fühlen sich erst einmal an, als wären sie genau das – ob bei Schlafproblemen, Ängsten, Unruhe oder Schmerzen. Für Menschen in einer akuten Krise kann eine medikamentöse Therapie eine wertvolle Hilfe sein. Aber nicht, wenn die Beschwerden anhalten.

Entscheidend ist dann, dass der Arzt sich die Zeit nimmt herauszufinden, was hinter der Schlafstörung oder den Ängsten eigentlich steckt – und dass der Patient sich darauf einlässt. Doch kaum etwas wird in unserem Gesundheitssystem so miserabel honoriert wie Gespräche. Alternativen wie eine Psychotherapie oder eine multimodale Schmerztherapie sind aufwendig und anstrengend. Pillen verschreiben, das geht schnell und ist billig. "Die Mittel wirken aber nur wie eine Plombe auf einem faulen Zahn", sagt Baumeister. Sie decken das Problem lediglich zu.

 

 

 

 

 

Benzodiazepine hießen früher "kleine Helfer"

Die seelischen Schmerzen mit Pillen wegzuschlucken, das hat auch Rita Kräft (73) jahrelang versucht. "Sucht hat immer eine Geschichte", sagt sie. Ihre eigene spielt in einer Zeit, als man Benzodiazepine noch scherzhaft "Mother‘s little Helper" nannte, "Mutters Helferlein". 

Kräft war Mitte 20 und hatte gerade ihr zweites Kind bekommen. Hinter ihr lag eine dunkle Kindheit, voller Angst und Misshandlungen. In ihrer kleinen eigenen Familie sollte alles besser werden. "Doch ich war viel allein, dachte ständig, ich krieg das alles nicht hin." Die junge Frau ging zum Arzt, erzählte, dass sie unruhig ist, nicht schlafen kann. Von ihrer Traurigkeit sprach sie nicht. Der Arzt griff zum Rezeptblock und verschrieb die vermeintlichen Wundermittel der 1970er.

 

 

 

 

 

Mehrere Ärzte als Pillenquelle

Es folgten acht qualvolle Jahre, an die sich Rita Kräft teils nur wie im Nebel erinnert. Pillen zum Einschlafen, Pillen, um tagsüber nicht durchzudrehen. ­­Pillen, die bald nervös machen statt schläfrig. Sie bekommt sie vom Hausarzt, vom Frauenarzt, vom HNO-Arzt. "Mit dir ist doch was", sagt ihre Mutter, wenn Rita Kräft ihre Kinder mal wieder bei Oma abgibt, weil sie selbst zu zugedröhnt ist, um sich zu kümmern. "Aber ich hatte ja keine Fahne", sagt Kräft. Dass sie süchtig ist, ahnt niemand.

Als sie selbst ihr Problem erkennt, schneidet sich Rita Kräft die Pulsadern auf. Sie kommt in die Psychiatrie – und schluckt neue Pillen. Die Geschichte wiederholt sich mehrmals. Schließlich, im Dezember 1975, hat sie mal wieder eine Rasierklinge in der Hand, will ein Ende machen. Sie macht ein Ende. Mit der Sucht.

 

 

 

 

 

 

Mit den Fingern in der Steckdose

Die junge Frau tut, wovon jeder Experte dringend abraten würde: Sie entzieht kalt. Ohne Hilfe von Ärzten oder Therapeuten. Wie es ihr erging? "Stellen Sie sich vor, Sie machen die Augen zu und stecken zwei Finger in die Steckdose.Dann ziehen Sie sie wieder raus, stecken sie wieder rein. Immer so weiter." Mehr als 40 Tage dauert die Folter. Danach lässt sich Rita Kräft sogar Zähne ohne Spritze ziehen, so groß ist die Angst vor betäubenden Mitteln.

Es folgen weitere acht Jahre, in denen sie all das aufarbeitet, was sie in die Sucht getrieben hat. "Nach der Entgiftung fangen die eigentlichen Probleme erst an", erklärt Baumeister. Die Plombe ist runter. Der faule Zahn liegt offen – und schmerzt. "Es geht nicht darum, dem Patienten einzutrichtern, dass er jetzt abstinent leben muss." Jede Sucht erfüllt eine Funktion. Es gilt  herauszufinden, welche – und dafür gibt es nur einen Weg: den Blick in die eigene Innenwelt. Der tut oft weh. In der Median-Klinik werden die Patienten daher von Anfang an von Psycho­logen begleitet.

 

 

 

 

 

Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe

"Ich musste begreifen, dass ich nicht nur Schuld habe. Dass ich ein Recht ­­habe – auf ein glückliches Leben", sagt Kräft. Ein Sozialarbeiter der Caritas sowie die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes halfen ihr dabei. Als sie sich gesund fühlt, will die ehemalige Krankenschwester anderen helfen. Seit 30 Jahren leitet sie die Blau­kreuz-Gruppe in Gelsenkirchen, erhielt für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz.

Dabei hat sie erfahren: Auch wenn die Ärzte die Medikamente heute vorsichtiger verschreiben, sind die Wege in die Sucht noch immer dieselben. Das gilt auch für den beschwerlichen Weg, der wieder hinausführt. "Bei jedem, der abhängig ist, steckt etwas tief im Herzen drin", sagt auch Bunkus. "Und das muss freigemacht werden."

 

 

 

 

 

Die Abhängigkeit kann auch sehr subtil sein

Psychische Probleme, Ärzte-Hopping, Hände voller Pillen: Nicht immer trägt Medikamentensucht dieses Gesicht.  Viele Patienten, die die riskanten Mittel lange einnehmen, schlucken eineinhalb, vielleicht zwei Pillen pro Tag. "Die Dosis steigern sie über die Jahre nur mäßig", sagt Dr. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Arnsberg.

Eines aber teilen sie mit denen, die sehr viele Tabletten brauchen: Lassen sie die Medikamente weg, sind sie auf Entzug. Fachleute sprechen von Niedrig-Dosis-Abhängigkeit. Holzbach nennt es lieber "unerwünschte Effekte im Verlauf der Behandlung". Einer davon: Die Wirkung der Arzneien geht verloren.

 

 

 

 

 

Entziehen ohne Leiden

Wenn Holzbach erklärt, was Beruhigungsmittel machen, vergleicht er den Körper mit einem Auto. "Die Pillen sind der Fuß auf der Bremse", sagt er. Nur dass das Körper-Auto den Druck schnell ausgleicht, indem es mehr Gas gibt. Um wieder langsamer zu werden, ist eine höhere Dosis nötig. Und nimmt man den Fuß plötzlich von der Bremse, schießt das Auto über die Böschung. Totalschaden nicht ausgeschlossen.

Beim Entzug wird versucht, die Bremse behutsam wieder zu lösen. "Der Patient erhält die Dosis über den Tag verteilt", erklärt Holzbach. Das verhindert, dass der Wirkstoff-Spiegel stark sinkt und der Patient in den Entzug rutscht. Schritt für Schritt wird das Medikament ausgeschlichen. Holzbach betreut viele Patienten dabei auch ambulant.

 

 

 

 

 

Die Rückkehr der Opioide

Zunehmend sind darunter Menschen wie Silvia Roth, die Opioide nehmen. Beklagten Experten vor einigen Jahren noch, dass vor allem Krebspatienten diese zu selten erhalten, werden die starken Arzneien heute oft bei chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen verschrieben.

"Opioide sind hier das völlig falsche Mittel", sagt Professor Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Berliner Charité. Seit Mitte der 1990er gehen die Verschreibungszahlen dennoch steil in die Höhe. "Das Pendel ist in die andere Richtung ausgeschlagen", so Stein. Zwar sei man von einer Situation wie in den USA, wo Experten inzwischen den Opiat-Notstand aus­gerufen haben, noch weit entfernt. "Die Tendenz geht aber in dieselbe Richtung." Was Schmerzmediziner nach Ansicht von Suchtexperte Holzbach oft übersehen: Viele nehmen Opiode wegen psychischer Effekte. "Das schiebt viele Lebensprobleme einfach weg."

 

 

 

 

 

Trügerisches Gefühl der Leichtigkeit

Beschreibt Roth die Wirkung, beginnt sie noch immer zu schwärmen. Leicht habe sie sich beim ersten Mal gefühlt, als würde sie fliegen. Sie hatte bei ihrer Mutter über Nackenschmerzen geklagt. "Wart, ich hab da was", sagte die – und holte Tropfen, die ihr der Arzt neu verschrieben hatte. Von da an hatte die Mutter immer öfter etwas von dem Mittel übrig. Bis eine Psychiaterin in der Klinik, in der sich Silvia Roth wegen Depressionen behandeln ließ, fragte: "Wissen Sie überhaupt, was Sie da nehmen?" Silvia Roth wusste es nicht. 

Später wusste sie genau, wonach sie die Ärzte da fragte. Sie schluckte das Mittel nicht nur gegen Schmerzen, sondern auch bei Liebeskummer oder Stress in der Arbeit. Damit fühlte sie sich geschützt, wie in einem Kokon mit viel Watte um sich herum.

 

 

 

 

 

Inzwischen hat Silvia Roth ihren fünften Entzug hinter sich. Sie arbeitete in einer Psychotherapie weiter an ihren Problemen und konnte die Mittel langsam reduzieren. Sie fühlt sich aktiver, bewirbt sich für einen neuen Job. "Ich bin jetzt auf einer ganz normalen therapeutischen Dosis." Die Angst, dass es ohne Pillen nicht geht, ist verschwunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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