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Wie lange soll man Antibiotika einnehmen?

Bisher sollten Antibiotika-Packungen stets aufgebraucht werden. Doch eine lange Einnahme kann Resistenzen fördern. Wie die Antibiotika-Therapie im Einzelfall aussieht

 

Wie lange soll man Antibiotika einnehmen?

Bisher sollten Antibiotika-Packungen stets aufgebraucht werden. Doch eine lange Einnahme kann Resistenzen fördern. Wie die Antibiotika-Therapie im Einzelfall aussieht

von Dr. Reinhard Door, 14.05.2018

 

 

 

 

Resistenztest: Wo sich im Bakterienrasen ein Hof um die Antibiotikaplättchen bildet, wirkt das Antibiotikum. Gegen die Bakterien in der rechten Schale hilft es kaum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Behandlung bakterieller Infektionen galt lange Zeit eine eherne Regel: Die Therapie muss fortgesetzt werden, auch wenn es dem Patienten schon gut geht – bis die Packung aufgebraucht ist. Ärzte betonten das, auch die Apotheken Umschau schrieb es, und selbst die Weltgesundheitsorganisation bestand bis vor wenigen Jahren darauf.

Die Empfehlung gilt in manchen Fällen auch heute noch – aber längst nicht mehr generell. Denn sie basiert auf einer falschen Vorstellung. Diese lautet: Wenn bei einer Antibiotika-­Gabe nicht alle Bakterien ausgerottet werden, weil sie zu früh beendet wird, entwickeln die übrig gebliebenen Keime eine Resistenz gegen das betreffende Mittel. 

Resistenzen bilden sich vor allem während der Einnahme

Heute bezeichnen Experten diese Vorstellung als überholt. Resistenzen, so haben sie inzwischen erkannt, bilden sich vor ­allem, so­lange Patienten ein Anti­biotikum einnehmen. Oder sie bestehen schon vorher. Denn nur während einer Behandlung profitieren die Bakterien von ihrer Widerstandsfähigkeit – sie können dem Antibiotikum "entwischen".

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil für resistente Keime: Je mehr der nicht widerstandsfähigen Bakterien ein Medikament abtötet, umso mehr Platz und Nährstoffe stehen ihnen zur Verfügung. Unter Selektionsdruck ent­wickeln sich mehr Resistenzen, so formulieren es Infektiologen.

 

 

 

 

 

Plötzlich gefährlich: Auch "gute" Bakterien erwerben Resistenzen

Dabei erwerben keineswegs nur jene Bakterien eine Wehrhaftigkeit, gegen die sich die Behandlung richtet. Es kann – unabsichtlich – auch die meist friedlichen Mitbewohner treffen, die Haut und Schleimhäute be­siedeln. Lösen sie irgendwann selbst ­eine Infektion aus, können viele Antibiotika ihnen nichts mehr anhaben. Das gilt vor allem für Darmbakterien

Gerade die am meisten gefürchteten Erreger profitieren von diesen bei­läufig erworbenen Resistenzen. Und sie tauschen sie untereinander aus. "Das ist wahrscheinlich sogar die entscheidende Gefahr", meint ­Professor Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaus-Hygiene an der Universitäts­klinik Jena.

 

 

 

 

 

Hinzu kommen die Nebenwirkungen der Antibiotika. Sie fallen meist mild aus, am häufigsten sind Magen-Darm-­­­Beschwerden oder Übelkeit. Doch je länger die Mittel genommen werden, umso leichter kann sich der Keim Clostridium difficile im Darm ausbreiten. Er verursacht Durchfall und weitere Komplikationen, die vor allem bei älteren Menschen mitunter lebensgefährlich werden.

Lungen- und Blasenentzündung: Keine lange Einnahme nötig

Dabei ist eine lange Behandlung oft nicht einmal nötig, um eine Infektion zu heilen. Etliche Studien in den vergangenen Jahren konnten das belegen. "Früher haben wir bei einer Lungenentzündung zwei bis drei Wochen Antibiotika gegeben, heute sind es nur noch fünf bis sieben Tage", berichtet Dr. Béatrice Grabein, Leiterin der Klinischen Mikrobiologie der Universitätsklinik München.

 

 

 

 

 

Im Fall von Blasenentzündungen genügt bei einem bestimmten Mittel eine Einmalgabe. "Das Antibiotikum reduziert die Keimzahl stark, und mit dem verbliebenen Rest wird das körpereigene Immunsystem selbst fertig", erklärt Expertin Grabein. Dennoch gibt es Infektionen, bei denen eine zu kurze Behandlung gefährlich wäre. Eine Entzündung der Herzinnenhaut und schwere Knochen- und Gelenk­entzündungen gehören dazu. 

Lange Einnahme bei Blutinfektionen und Tuberkulose

Auch Blutstrominfektionen mit Erregern namens Staphylococcus aureus sind in dieser Hinsicht tückisch. Oft geht es dem Patienten schon nach zwei Tagen besser, nach einer Woche ist das Fieber weg. Setzt der Arzt dann das Antibiotikum bereits ab, drohen schwere Folgeinfektionen. "Hier ist eine mindestens zweiwöchige Infu­sion mit hoch dosierten Antibiotika nötig. Doch das wird häufig miss­achtet", warnt Professor Gerd Fätkenheuer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

 

 

 

 

 

 

Ein weiteres Beispiel nennt Mathias Pletz. Auch Tuberkulose erfordert eine lange Behandlung. Das liegt daran, dass sich die Bakterien sehr langsam teilen und vermehren. Solange sie nicht aktiv sind, vermögen Antibio­tika ihnen nichts anzuhaben. Würde man die Mittel vorzeitig absetzen, könnten sich die gerade "schlafenden" Erreger wieder ausbreiten.

Der richtige Umgang mit Antibiotika ist wichtig

Eine lange Behandlung birgt also das Risiko einer Resistenz-Entwicklung, eine zu kurze kann den Pa­tien­ten ebenfalls gefährden. Beides gegeneinander abzuwägen ist oft nicht einfach. "Man muss jedes Mal eine Einzelentscheidung treffen", ­betont Fätkenheuer. Der Bakterientyp, der Verlauf, die Immunabwehr des Erkrankten und vieles mehr spielen ­eine Rolle.

Deshalb sollten Patienten die Behandlung nie auf eigene Faust abbrechen, wenn sie sich besser fühlen. "Das sollte jeder mit dem Arzt besprechen, alles andere wäre fahrlässig", betont Fätkenheuer. Das gilt besonders für Menschen, die Antibiotika ohnehin kritisch sehen – und dabei deren ­Wirkung unterschätzen. "Antibiotika sind extrem segensreiche Medikamente", sagt Expertin Béatrice Grabein. "Damit sie das bleiben, muss man sie aber auf vernünftige Weise einsetzen."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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